Kuschelstunde

Dinge, die der Seele gut tun
Achtsamkeit

Multitasking und das achtsame Ich – kann das gut gehen?

7. Juni 2018

Wer in unserer Welt etwas werden will, der muss Multitasking können. Ohne geht es nicht. Wie, du kannst nicht gleichzeitig eine E-Mail aufmerksam lesen, telefonieren und ein Dokument bearbeiten?!? Was bist du denn für ein Loser? An dieser Stelle ein Outing: Ich bin ein Loser. Ein riesengroßer. Und ich bin stolz darauf!

Sicher, auch ich kann drei Dinge gleichzeitig tun. Rein körperlich bekommen das wohl viele Menschen hin. Die Frage ist nur: Wie sieht das Ergebnis dann aus? Statt meiner Tochter die Schuhe anzuziehen, nebenbei telefonisch ein Meeting abzustimmen und mein Frühstück zusammen zu rühren, hätte ich ein Post-it auf ihren Schuhen, einen Schnürsenkel im Müsli und einen Chef am anderen Ende der Leitung, den ich zu beruhigen versuche mit „Es tanzt ein Bi-Ba-Butzemann …“.

Bist du zu dumm für Multitasking?

Jahrelang habe ich mich schlecht gefühlt, wenn ich zu blöd war, zwei Dinge gleichzeitig zu machen. Ich war und bin einfach kein aufmerksamer Mensch. Ich stelle eine Frage und habe eine Minute später schon wieder die Antwort vergessen. Ich laufe in den Keller, stehe unten vorm Regal und weiß nicht mehr, warum ich gekommen bin. Ich sehe nicht, wenn Herr Schatz beim Friseur war oder dass das Klopapier zur Neige geht. Ihr seht, worauf ich hinaus will … Wie soll ich bei diesen Voraussetzungen zwei Sachen auf einmal wuppen?

Klar, ist das eine Eigenschaft, die mich ungemein nervt und die ich unbedingt abstellen will. Aber nicht, um Multitasking zu können, sondern um meine Umwelt und mich selbst besser wahrzunehmen. Auf Multitasking pfeife ich mittlerweile. Ich mache eines nach dem anderen. Dafür richtig. Und wenn mich jemand fragt, warum das alles so lange dauert, frage ich ganz frech zurück: „Soll ich es schnell hinrotzen oder ordentlich machen?“

Multitasking-Loser – die Gesellschaft tut ihr übriges

Jedoch war es ein langer Weg, bis ich mir selbst eingestanden habe, dass es überhaupt nicht schlimm ist, wenn ich kein Multitasking kann – und vor allem können möchte. Denn unsere Gesellschaft geht nicht gerade gnädig mit jemandem um, der diese Schwäche zeigt. Besonders nett finde ich den subtilen Druck, der von der einhelligen Meinung ausgeht, jede Mutter sei eine Multitasking-Göttin. Oder noch besser: Jede GUTE Mutter sei eine Multitasking-Göttin. Schönen Dank auch! Dann bin wohl ein Versager auf ganz Linie.

Seitdem ich wieder arbeite, hatte ich ständig das Gefühl, nichts und niemandem gerecht zu werden. Wenn ich im Büro war, hatte ich ein schlechtes Gewissen, weil Mausi in der Kita steckte und sich zuhause die Wäsche türmte. Wenn ich meine Zeit mit der Kleinen genoss, schlichen sich nagende Gedanken an Abgabetermine im Büro ein – und das nächste schlechte Gewissen, weil ich ihr nichts „richtiges“ kochte, sondern es abends wieder nur ein Brot gab. Doch damit ist jetzt Schluss! Ab sofort kommt eines nach dem anderen.

Mein Plan: Ade, Multitasking – willkommen im Hier und Jetzt!

Und so habe ich folgendes beschlossen:

  1. Wenn ich arbeite, arbeite ich. Der Wurm ist in der Kita bestens versorgt – und hat vor allem richtig viel Spaß. Denn sie liebt ihre Erzieherinnen und die anderen Kinder. Punkt! Und wenn ich mal länger im Büro bleiben muss, geht die Welt auch nicht unter.
  2. Wenn ich Zeit mit meiner Kleinen verbringe, verbringe ich Zeit mit meiner Kleinen. Ich schreibe keine Nachrichten, ich telefoniere nicht mit dem Büro und der Wäscheberg ist mir auch egal. Zwischen Kita und Zubettgehen ist Mausi-Mama-Papa-Zeit!
  3. Ab 19 Uhr wird gekocht und danach gegessen. Und danach? Was immer auch gemacht werden muss: Küche aufräumen, bloggen, Website für einen Kunden basteln oder auf der Couch einpennen. Hauptsache eines nach dem anderen.

Exkurs: Warum ich keine Multitasking-Mutter sein will

Vor allem der zweite Punkt der Aufzählung ist mir besonders wichtig, denn Multitasking mit Kind ist in meinen Augen ein zweischneidiges Schwert. Natürlich muss man irgendwie das Abendbrot richten, während der Knirps herumspringt und etwas vorgelesen haben möchte. Und selbstverständlich klingelt auch mal das Telefon. Doch WhatsApps lesen und schreiben? In sozialen Medien surfen? YouTube-Videos anschauen? Und das alles am besten, wenn der Sprössling am Rockzipfel wimmert und sich nach Aufmerksamkeit verzehrt?

Ganz ehrlich: Wenn ich sehe, wie so eine Multitasking-Mama an der Bahnhaltestelle sitzt, an ihrem Cappuccino-to-go nippt und auf ihrem Smartphone herumtippt, während ihr Kind im Kinderwagen hockt, apathisch Löcher in die Luft starrt oder verzweifelt auf sich aufmerksam machen will … Ganz ehrlich: In solchen Momenten würde ich der Alten am liebsten ihr … sorry … Scheiß-Handy aus der Hand schlagen. Denn das ist nicht Multitasking, wie uns unsere Gesellschaft glauben machen will. Das ist schlichtweg Ignoranz gegenüber dem eigenen Kind.

Nun höre ich schon wieder die Gegenstimmen: Man soll sein Kind nicht immer in den Mittelpunkt stellen, sonst wird es eingebildet. Mag sein. Recht sicher sogar. Doch was heißt denn hier „immer in den Mittelpunkt stellen“? Nehmen wir meine Kleine: Von 19.00 Uhr bis 6.30 Uhr schläft sie, von 7.00 bis mindestens 14.30 Uhr ist sie in der Krippe, bis sie um 19.00 Uhr schon wieder ins Bett geht. Summersummarum kommen wir also auf maximal fünf Stunden Familienzeit pro Tag – bedeutet im Umkehrschluss, dass sie 19 Stunden des Tages auf sich „allein gestellt“ ist. Da kann wohl kaum die Rede sein von „immer im Mittelpunkt“.

Wir haben nur ein paar wenige Jahre mit unseren Kindern - nämlich die, in denen sie uns bei sich haben wollen.

Dieses Zitat aus dem Film „Hook“ hat sich in meine Erinnerung gebrannt, obwohl ich den Film bestimmt 20 Jahre nicht mehr gesehen habe. Aber genauso ist es. Und das ist auch der Grund, warum ich künftig auf Multitasking schei… Ich will einfach alles richtig machen. Nicht „richtig“ im Sinne von „nicht falsch“, sondern „richtig“ im Sinne von „ordentlich“, „anständig“, „mit dem Eifer und der Aufmerksamkeit, den dieser Bereich meines Lebens verdient hat“. Dann wird nicht nur das Ergebnis besser, sondern auch mein Seelenheil.

Multitasking und Achtsamkeit – da gibt es keinen gemeinsamen Nenner

So, das war jetzt ein ziemlich weiter Bogen hin zur Quintessenz dieses Beitrags. Multitasking und Achtsamkeit – kann das ein gutes Team werden? Meiner Ansicht nach, ist das ein Ding der Unmöglichkeit. Multitasking bedeutet laut Duden „gleichzeitiges Abarbeiten mehrerer Tasks in einem Computer“ bzw. „gleichzeitiges Verrichten mehrerer Tätigkeiten“. Und was ist Achtsamkeit? Laut Deutschem Fachzentrum für Achtsamkeit ein klarer Bewusstseinszustand, „der es erlaubt, jede innere und äußere Erfahrung im gegenwärtigen Moment vorurteilsfrei zu registrieren und zuzulassen“.

Daher die Frage: Wie will ich alles um mich herum mitbekommen, wenn ich viele Dinge gleichzeitig mache? Wenn mir mein Chef via Handy einen wichtigen Termin durchgibt, während ich meinem Kind die Jacke zumache, der Hund an der Leine zerrt und sich meine Einkaufstüte in Richtung Boden verabschiedet – registriere ich dann noch, dass ich an besagtem Termin schon einen anderen Termin habe? Oder dass ich seit zwei Tagen Symptome einer Blinddarmentzündung zeige? Sicherlich gibt es Menschen, die alles auf einmal stemmen können. Aber wie lange halten die das durch? Und ist das auf Dauer gesund?

Ich überlasse euch nun dieser Frage und eurer eigenen Antwort darauf. Ich habe meine Antwort gefunden – und werde versuchen, danach zu leben.

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